Eines Nachts stand ich mit Frederike am Bahnhof Plänterwald und wartete auf die S85. Wir standen ganz allein auf dem Bahnsteig und wollten nach einer Party wieder nach Hause fahren. Die Neonröhren tauchten die Szenerie in ein gelbliches, viel zu unnatürliches Licht. Auf der Anzeige war zu lesen: „S 85 – Zug fällt aus“. Nächste Zeile: „Zugdurchfahrt 10 Min“. Also alles wie immer.
Frederike sagte gerade einen Satz wie: „Ich glaube, du liebst mich gar nicht wirklich.“
Doch irgendetwas auf dem Gleisbett hatte meine Aufmerksamkeit abgelenkt. Hatte sich da nicht gerade irgendwas bewegt? Ich drehte den Kopf in diese Richtung.
Frederike fuhr fort: „Außerdem hörst du mir nie richtig zu. Du bist ständig abgelenkt und guckst mich nicht einmal an, wenn ich mit dir rede.“
Jetzt sah ich deutlicher, dass sich da etwas bewegte und langsam über das Gleis krabbelte. Und noch neun Minuten bis zur Zugdurchfahrt.
„Insgesamt“, sagte Frederike, „finde ich, wir passen eigentlich gar nicht richtig zusammen. Wir sind total verschieden. Ich bin attraktiv und dynamisch und du … Ich finde, wir sollten uns … Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“
„Natürlich, Schatz!“, sagte ich. „Aber entschuldige mich mal bitte ganz kurz.“
Ich wandte mich von ihr ab und ging langsam auf die Stelle zu, wo dieses Etwas auf den Gleisen war. Die Lampen vom Bahnhof erreichten diesen Fleck nicht, und ich konnte nicht viel erkennen. Ich dachte zuerst, es sei vielleicht eine Ratte, aber dafür war es viel zu groß. Es hatte eher die Größe eines Hundes.
Als ich nah genug dran war, erkannte ich, dass es ein Waschbär war, der offenbar den Müll auf dem Gleisbett nach Nahrung durchstöberte. Ich hatte schon davon gehört, dass es in Berlin viele gibt, aber ich hatte noch nie einen zu Gesicht bekommen. Und noch acht Minuten, bis die S-Bahn kam.
Der Waschbär ließ sich von mir nicht stören. Er floh nicht etwa, weil da plötzlich ein Mensch auftauchte. Er ging ganz gelassen seiner Tätigkeit nach und wühlte mit seiner Nase im Gleisbett herum. Possierlich sah das aus, wie er da unten herumstocherte.
Oje, dachte ich. Wenn jetzt die S-Bahn kommt, dann wird das dem kleinen Freundchen nicht bekommen. Ich sah auf die Anzeige. Noch sieben Minuten.
Ich musste mir etwas einfallen lassen. Ich konnte doch nicht mit ansehen, wie die Bahn den Bären direkt vor meinen Augen zerquetschte. Sicher würde das Blut bis auf den Bahnsteig spritzen, und das würde ich meinen Lebtag nicht wieder vergessen. Also versuchte ich, den Nager mit Wedeln und Rufen zu verscheuchen. Ich gestikulierte wild mit den Händen und rief: „Hey, Bär! Hau ab!“ Der Bär ließ sich davon nicht irritieren. Er schnupperte nur einmal mit der Nase in der Luft. Lediglich Frederike war irritiert und schaute mich entgeistert an. „Du hast sie doch nicht mehr alle. Lass doch das blöde Vieh in Ruhe und rede mal mit mir.“ Und noch sechs Minuten bis die Bahn kommt.
Ich sah mich auf dem Bahnsteig um. Ich wollte irgendwas finden, was ich nach dem Petz werfen konnte. Vielleicht würde er sich dann trollen. Ich fand eine zerbeulte Cola-Dose, hob sie auf, ging so nah es ging an die Kante heran, zielte und warf.
Die Dose verfehlte ihn und kam scheppernd im Gleisbett zu liegen. Das Ziel zeigte sich von dieser Aktion völlig unbeeindruckt. Ich glaube, wenn ich getroffen hätte, hätte ihn das auch nicht wirklich gekümmert. Sein Fell sah richtig dicht und flauschig aus, und er war auch wohlgenährt. Ein hübsches, irgendwie sonderbar gepflegtes Exemplar.
„Na, das hat ja super geklappt“, dachte ich. Ich musste mir jetzt etwas Gescheiteres einfallen lassen.
„Ach, was soll’s?“, dachte ich. Ich schwang mich über die Bahnsteigkante und sprang zum Gleis hinunter.
„Bist du wahnsinnig geworden?“ Frederike hatte nun einen leicht panischen Gesichtsausdruck aufgesetzt und zeterte zu mir hinunter: „Komm wieder hoch! Der Zug kommt gleich. Du bist ja total irre.“
Ich hatte die Anzeige fest im Blick. Ich hatte noch fünf Minuten bis zum Showdown. Das war genügend Zeit, um den kleinen Waldbewohner zu retten.
Der Fellträger zeigte sich auch von dieser Aktion nicht beeindruckt und ignorierte mich stoisch, ganz im Gegenteil zu Frederike, die zusehends unentspannter wurde: „Das darf doch alles nicht wahr sein.“ Das war mir gerade egal. Meine volle Aufmerksamkeit galt nun dem Müllpanda direkt vor mir.
Eine innere Stimme warnte mich, dass es mir nicht bekommen würde, ihn anzufassen. Sicher hatte er scharfe Krallen an den Tatzen und spitze Zähne. Wann war eigentlich meine letzte Tetanus-Impfung?
Was sollte ich also tun? Einen Stock hatte ich nicht und ebenso wenig Zeit. Nur noch vier Minuten bis zum Aufprall. Höchste Eisenbahn also für einen Plan. Ich wollte meinen Fuß wie bei einem Wagenheber unter den Bauch des Waldbewohners bekommen und das Fellding dann die nahegelegene Böschung des Bahndamms hinunterschießen.
Frederike gestikulierte wild und kreischte zu mir herunter: „Fass das Ding nicht an! Der hat Tollwut! In drei Minuten kommt die Bahn. Komm da raus! Sofort!“
In dem Moment, als mein Fuß den Bauch des Waschbären berührte, drehte er sich blitzschnell zu mir um und fauchte mich giftig an, wobei er seine spitzen Zähne bleckte. Dann brüllte er: „Fass mich an, und ich reiß dir den Arm ab, du Welpe. Besser, du verziehst dich zu deinem hysterischen Weibchen nach oben. Denn in zwei Minuten kommt das Blechdings, das ihr S-Bahn nennt, und dann: Boom.“
Ich war so verdattert, dass mir nichts Schlaues dazu einfiel. „Ein sprechender Waschbär?“, entfuhr es mir.
Jetzt wurde der Pelzträger erst richtig wütend. Sein Fell sträubte sich. „Ich bin kein gottverdammter Waschbär!“, fauchte er mir außer sich entgegen. „Und auch kein niedliches Maskottchen, das man streicheln kann. Ich bin Rocket Raccoon, und wenn ich meine Knarre wiedergefunden habe, dann zeige ich dir, wer hier ein Waschbär ist, du hirnloses Stück Biomasse.“ Die Anzeige wechselte auf „1 Min“.
Ich stand wie angewurzelt da und blickte ungläubig auf das zottelige Etwas vor mir, das vor Kurzem noch die Niedlichkeit eines Kuscheltiers besaß und sich im Handumdrehen in ein bedrohliches Ungetüm verwandelt hat, das nicht damit zu knausern schien, Zweibeinern wie mir mit einem gezielten Biss in der Rachengegend das Leben auszuhauchen.
Ich hatte die Bahn völlig aus dem Gedächtnis verloren. Folgerichtig merkte ich nicht, dass der Zug sich anschickte, in den Bahnhof einzulaufen.
Mit den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass Frederike schräg über mir den Ton nun geändert hatte. Mit verschränkten Armen, blickte sie in eine andere Richtung und sagte: „Siehst du. Das meine ich. Du hörst mir nie richtig zu. Genau das ist unser Problem.“
Die S-Bahn rauschte nun in den Bahnhof ein. Würde der Zugführer es noch schaffen, den Zug rechtzeitig zum Stehen zu bekommen? Man hörte gar kein Quietschen der Bremsen. Na gut. Es war dunkel. Vielleicht hatte er die Szene vor ihm auf dem Gleis gar nicht gesehen. Vielleicht war er auch kurz abgelenkt und goss sich eine Tasse Tee ein. Vielleicht war er eingeschlafen.
Gebt mir eine Sekunde, die Situation zu beschreiben: Links stand der Waschbär auf seinen beiden Hinterbeinen, breitbeinig, und funkelte mich bedrohlich an. Rechts die S-Bahn: 250 Tonnen Lebendgewicht machten keinen Hehl daraus, dass sie siegreich aus diesem Duell hervorgehen würde – wenn auch mit einer neuen rötlichen Farbgebung. Und in der Mitte ich, benommen, ungläubig, dass sich gerade ein seltsamer Riss im Realitätsgefüge aufgetan hatte. Ich versuchte mit wenig Erfolg, mit dieser neuen Realität klarzukommen.
Als die S-Bahn dann auf ein paar Meter herangerast war, änderte sich der Gesichtsausdruck des Waschbären von zornig zu resigniert. Dann sagte er fast nebenbei: „Ach, verdammt. Es ist total uncool, sich helfen lassen zu müssen, weißt du? Aber ich habe die Galaxis schon ein paar Mal gerettet.“
Mit diesen Worten warf er sich auf mich, griff mich am Kragen, fauchte noch: „Erzähl das keinem!“, und mit einem schwungvollen Wurf buxierte er mich auf den Bahnsteig. Einen Sekundenbruchteil später fegte ratternd die Bahn hindurch. Sie machte keine Anstalten, stehen zu bleiben. Es war eine Zugdurchfahrt.
Völlig benommen stand ich nun wieder auf dem Bahnsteig. Was war hier gerade passiert? Lebte ich noch? War das real? Wo war der Waschbär? Ist er jetzt doch überrollt worden? War ich daran schuld? Verdammt. Ich wollte doch nur helfen.
Aus der Richtung, in die der Zug gefahren war, hörte man ein Johlen, und ein Blick verriet, dass der Waschbär sich auf dem S-Bahndach festhielt und mit ihm im Dunklen verschwand. Es dauerte, bis ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte.
Dann merkte ich, dass Frederike zu mir geeilt war, mich liebevoll berührte und fragte: „Bist du verletzt?“
„Nein“, sagte ich gedankenverloren. „Alles gut.“ Ich blickte noch immer in die Richtung, in der der Spuk verschwunden war. Endlich wandte ich mich Frederike zu und sagte: „Wo waren wir stehen geblieben? Was wolltest du mir gerade sagen?“
Frederike sah mich an, ließ eine halbe Sekunde vergehen und meinte dann: „Och, nicht so wichtig.“
