Augen auf beim Rollentausch, sonst kann eine lustige Kurzgeschichte schon mal tragisch enden.
„Papa, wollen wir ein bisschen Vater und Kind spielen?“ Meine 5-jährige Tochter Chantal (Name wurde von der Redaktion nicht geändert) spielte zu gerne Rollenspiele. Solche wie „Die Prinzessin und das Einhorn“ oder „Jim Knopf und die Wilde 13“ waren keine Seltenheit. Bei „Vater und Kind“ kannte ich mich wenigstens aus. Die Rolle war mir buchstäblich auf den Leib geschrieben. „Ja, fein,“ sagte ich. „Dann leg ich mich mal im Spiel auf das Sofa und lese die Zeitung.“ Aber da hatte ich mich zu früh gefreut. „Nein, Papa. Ich bin der Vater und du bist das Kind. Du wärst wohl krank und ich müsste dich pflegen.“ „Na gut. Wenn’s sein muss,“ fügte ich mich in mein Schicksal.
Nachdem ich mich ganze 12 Minuten meinem Schicksal ergeben hatte und so richtig krank war und gepflegt wurde, kam endlich die Erlösung: Chantal sagte: „So! Genug gespielt. Es ist schon halb acht. Jetzt geht’s in die Kita!“ „Au fein!“ dachte ich. Und sagte in einem etwas quengelnden Ton: „Och schade! Muss ich denn wirklich schon zur Arbeit gehen?“ Aber wieder hatte ich mich zu früh gefreut. „Nein, Papa. Wir spielen doch Vater und Kind. Ich geh zur Arbeit und ich bringe dich in die Kita.“
Das ging natürlich nicht und ich brachte meine Ablehnung darüber bestimmt zum Ausdruck. „Na ja, hör mal. Das wäre aber nicht so schön. Du wüsstest ja nicht mal, wie du zur Arbeit kommst.“ „Ich fahr mit dem Dreirad zur Arbeit,“ bekam ich jetzt zu hören. „Nein, also das geht nicht.“ Chantal schob verdächtig die Unterlippe nach vorne. Ein eindeutiges Zeichen, dass gleich das große Geplärre losging. Das konnte ich einfach nicht ertragen und musste auf Biegen und Brechen verhindert werden. „Lass uns doch lieber noch etwas spielen. Ich hab doch heute frei und muss nicht arbeiten.“ Die Unterlippe fing schon an zu zittern. Ich startete noch den einen oder anderen Versuch, meine Autorität gegenüber meinem Nachwuchs zu behaupten. Nach dem ersten markerschütternden Ton, der geschickt mit dem Ausstoß von Tränenflüssigkeit kombiniert wurde, knickte ich ein, nur um das Geplärre irgendwie abzustellen. „Also gut, also gut. Ich bin das Kind und du bist der Vater. Ich gehe in die Kita. „Au super, Papa.“ Die Tränen von der kleinen Chantal waren wie weggewischt, als hätte es sie nie gegeben. Immer wieder erstaunlich wie schnell diese kleinen Schauspieler von abgrundtiefem Gram auf Eitel Sonnenschein umschalten konnten.
„Na dann bummel hier nicht so rum.“ Chantal hatte nun einen herrischen Ton angeschlagen. „Wir müssen los. Zieh dich an. Aber ein bisschen flott.“ Ich staunte darüber, wie schnell diese kleinen Teufelchen die Methoden der Eltern übernehmen konnten, wenn sie wollten. Wenn sie etwas nicht wollten, dann konnte man lange auf Erfolge warten. Wie oft hatte ich zum Beispiel bisher erfolglos gepredigt, dass man Desoxiribonukleinsäure nicht mit einem Y schreiben würde. Ich sinnierte darüber offenbar eine Sekunde zu lang. Denn Chantal fing nun an zu zählen. „Eins… Bei Drei gibt’s Zeitungsverbot.“ „Nun mal langsam. Ich mach ja schon.“ Ich beeilte mich, mir meine Schuhe anzuziehen. Wenig später stand ich fertig angezogen mit Jacke und Schal und der Butterbrotdose an der Wohnungstür.
„Geh noch mal puschern,“ war die nächste Anweisung von Chantal. „Aber ich muss nicht,“ war meine Antwort. „Hör auf zu diskutieren und geh puschern. Wenn wir auf dem Weg sind, musst du garantiert wieder puschern und dann ist kein Klo in der Nähe.“ „Aber…“ versuchte ich noch etwas gegenzusteuern. „Zwei…“ Chantal war erbarmungslos und setzte den Unterlippentrick noch einmal an. „Schon gut, schon gut. Ich geh ja schon.“ Ich machte mich auf der Toilette daran, mir ein paar Tropfen abzuzwingen.
Der Weg zur Kita verlief ohne Zwischenfälle. Vor der Kita-Tür bekam ich noch einen Abschiedsschmatz auf die Stirn. Dann trabte die kleine Göre um die nächste Häuserecke. Ich wartete noch ein paar Minuten in der festen Ansicht, Chantal würde sicher bald wieder zurückgetrabt kommen und das Spiel beenden, weil sie den Weg zur Arbeit nicht kannte. Aber hier irrte ich wieder. Als Chantal nach zehn Minuten nicht antrabte, wurde mir bewusst, dass mir nichts übrig blieb, als das jetzt durchzuziehen.
Ich öffnete die Tür zur Kita und wurde gleich von der Erzieherin Brigitte begrüßt. Ich erklärte ihr schnell, dass ich nun heute an Stelle von Chantal in die Kita gehen würde. Sie hat das offenbar auch gleich verinnerlicht und sagte: „Gut. Du bist spät dran. Wir wollen das Morgengebet sprechen.“ Ich wusste ja gar nicht, dass in der Kita meiner Tochter gebetet wurde. „Ich muss mal auf Toilette…“ gab ich zu bedenken. „Du machst jetzt, was ich dir sage,“ meinte Brigitte, „sonst petze ich das deinem Papa.“
Nachdem ich den eineinhalbstündigen Gottesdienst über mich ergehen gelassen hatte, Kartoffeln geschält, Fensterscheiben geputzt, das defekte Telefon repariert und einen Eimer voll Erbsen sortiert hatte, konnte ich gegen Abend nun endlich auf Toilette gehen und dann war freies Spielen angesagt.
Ich ging zur Spielecke rüber und schnappte mir ein Rennauto und wollte nun endlich die Freuden des Kindseins so richtig genießen. „Ey, das ist mein Auto.“ Vor mir baute sich Heiner auf. Woher ich wusste, warum dieses Kind Heiner heißt? Er trug ein dreckiges T-Shirt mit der Aufschrift: Heiner und sonst keiner. Heiner war acht Jahre alt. Er ging immer noch in die Kita, weil er sich partout nicht für die Schule qualifizieren konnte. Im Eignungstest war er schon dreimal durchgefallen.
Ich gab Heiner das Auto und sagte: „Schon gut. Schon gut. Ich will keinen Ärger.“ Ich nahm mir ein Kamel aus Hartgummi made in China. „Ey, das ist mein Elefant,“ sagte Heiner. „Moment mal,“ wand ich nun ein. „Erstens gehören die Spielsachen der Kita und zweitens kannst du doch nicht mit beiden Sachen gleichzeitig… Aua.“ Heiner hatte mir mit dem eben ausgehändigten Ford Taunus, blau metallic, den Scheitel nachgezogen. „Gut okay. Hier hast du das Kamel.“ Ich machte noch einen Versuch und nahm einen Ball ohne dabei Heiner aus den Augen zu lassen. Und richtig. Auch der Ball gehörte natürlich Heiner. „Her damit,“ grunzte er und schwang nun das Kamel bedrohlich in Richtung meines Kopfes. „Hör mal,“ rebellierte ich nun. „Dein adoleszierendes Machtgehabe ist doch voll Achtziger. Ich finde wir sollten zusammen spielen. Du nimmst das Kamel und ich…“ Weiter kam ich nicht. „Aua.“ Auch das Kamel hatte seine Hufabdrücke auf meinem Kopf hinterlassen. „Ey, du kleiner Hosenscheißer. So kann man doch nicht miteinander umgehen. Immer gleich drauf hauen. Wenn du so weiter machst, sag ich das der Erzieherin.“ Heiner grinste nur breit und warf einen Blick Brigitte entgegen. Jetzt erkannte ich auch bei ihr kleine Hufabrücke an der Stirn. Brigitte gab sich große Mühe, nicht zu uns hinüber zu sehen.
„Also gut. Und was schlägst du vor? Was darf ich denn überhaupt machen?“ „Du darfst das Klo sauber machen.“ Irgendwie hatte ich mir eine andere Antwort erhofft, aber diese kam zumindest nicht überraschend. Ich zeigte mich nicht einverstanden. „Hör mal, wenn du denkst, ich als gestandener Mann, lasse mich von einem Dreikäsehoch tyrannisieren, dann hast du dich geirrt… Aua.“ Die roten Flecken auf meiner Stirn bekamen Gesellschaft. „Hör auf damit oder ich ruf deine Eltern an.“ Triumphierend zog ich mein Handy aus der Hosentasche. Schneller als ich gucken konnte, hatte Heiner sich das Telefon gegrabscht. „Ey gib das sofort wieder her,“ rief ich. Aber Heiner war damit schon auf und davon. Eine wilde Jagd durch die Kita entbrannte. Stühle wurden umgestoßen, Kinder beiseite gerempelt, Bauklotztürme umgerannt. Auf der Toilette schließlich erwischte ich den kleinen Ganoven. Eine Keilerei entbrannte mittels der ich versuchte, Heiner mein Handy zu entwinden mit mäßigem Erfolg.
In diesem Moment ging Brigitte dazwischen. „Herr Müller, schäm dich. Du sollst doch nicht die Kleineren verhauen.“ Ich dachte: „Aber Größere verhauen ist okay oder was?“ Sagte aber: „Aber der hat angefangen.“ Ich zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Heiner, als würde Brigitte nicht wissen, wen ich meinte. Brigitte fuhr fort: „Du solltest den Kleineren ein Vorbild sein, also wirklich jetzt mal.“ „Aber, aber der hat mein Handy geklaut.“ Ich spürte, wie sich tief in mir drinnen eine Stimme meldete, die „Ungerechtigkeit!“ schrie. Die Tränen stiegen mir in die Augen. Brigitte schien das nicht zu bemerken. Sie sagte: „Die Spielzeuge sind hier für alle da. So, und nun vertragt euch wieder.“ Den Augenblick, den Brigitte zu mir gewandt war, nutzte Heiner mit einem diabolischen Grinsen auf den Lippen und ließ das Telefon ins Toilettenbecken gleiten und drückte fluchs die Spülung.
Ernüchtert lauschte ich dem Wasserrauschen. Ich muss wohl sehr lange da gestanden haben mit Blick auf das Klobecken. Ich hörte zunächst gar nicht, dass meine Tochter mich rief. Endlich holte sie mich aus diesem Irrenhaus wieder ab. Dann berichtete sie mir wie prima das alles auf der Arbeit geklappt hätte. Sie hätte meinen Job viel besser erledigt, als ich es bisher gemacht hatte. Mein Chef war so hingerissen von Engagement und Fleiß meiner Tochter, dass er sich entschlossen hatte, zukünftig mit ihr zusammenzuarbeiten und auf meine Dienste zu verzichten. Ich dürfte auch die nächsten Tage und Jahre weiter in die Kita gehen. Nun war ich derjenige, der die Unterlippe vorschob.
Leserin: Meiner Schwester hatte ich „Rollentausch“ vorgelesen und sie konnte nicht aufhören zu grinsen.
Weitere Kurzgeschichten gibt es hier.
