Ist das noch eine lustige Kurzgeschichte – oder schon blanker Horror?
Es war an einem grauen Novemberabend. Die Dämmerung kommt in diesem Monat früh und das Sonnenlicht hatte sich bereits verabschiedet und machte keinen Hehl daraus, dass es vorhatte, nun das übliche Dunkel über den kleinen Vorort zu gießen. Ein kühler Wind fegte seine Feuchtigkeit vor sich her, mir ungeniert mitten ins Gesicht.
Ich hatte gerade meinen Einkauf erledigt und schleppte zwei voll gepackte Taschen Lebensmittel und was man sonst noch so braucht, die kleine Allee hinauf nach Hause. Wenn es sich einrichten ließ, vermied ich es, nach Einbruch der Dunkelheit auf diesen verlassenen Straßen noch unterwegs zu sein. Unbelebte Vororte ziehen immer Gesindel an.
Ich hatte nur noch ein paar Hundert Meter Weg vor mir. Da sah ich undeutlich im Dämmerlicht etwas vor mir über die Straße huschen. Zuerst dachte ich, es sei nur ein Blatt, das der Wind vor sich hin wehte. Doch dann merkte ich, dass es sich nicht mit der Windrichtung bewegte. Vielleicht eine Ratte. Die Größe könnte etwa stimmen.
Ich blieb instinktiv erst mal stehen und beobachtete es. Das war allerdings nicht einfach bei den schummrigen Lichtverhältnissen. Denn das Etwas war ein ganzes Stück entfernt und nun war es am Straßenrand im Schatten der Bordsteinkante angekommen. Ich nahm meine Brille kurz von der Nase, wischte mit dem Ärmel die Feuchtigkeit ab, um besser sehen zu können.
Mit wieder aufgesetzter Brille sah ich genauer hin, ging langsam auf die Stelle zu, an der ich das Etwas vermutete. Es war jetzt nichts mehr zu erkennen. Ich entschied mich, dass es doch nur ein Blatt gewesen sein musste. Ich war mir schon nicht mehr sicher, ob ich überhaupt etwas gesehen hatte.
Also lächelte ich in mich hinein, halb aus Erleichterung, halb spöttisch, dass ich so ein Angsthase war. Als ich nun den Weg nach Hause fortsetzte, war dann plötzlich ein leises Knurren aus dem Schatten der Bordsteinkante zu hören. Was war das? Ich hatte noch nie eine Ratte so knurren hören.
Ich blieb wieder stehen und die Einkaufstaschen sanken unsanft auf das feuchte Kopfsteinpflaster. Jetzt hielt ich den Atem an und mein Herzschlag kroch den Hals hinauf. Ich machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn. Doch als das Knurren wieder erklang – dieses Mal etwas lauter und drohender – machte ich zwei Schritte zurück. Die Taschen standen verloren auf der Straße. Das hatte ich mir nicht nur eingebildet.
Ich blickte angestrengt in Richtung Knurren. Und da im Schatten sah ich nun deutlicher ein rattengroßes Etwas im Dämmerlicht hocken. Schlitzförmige Augen blickten mich böse an. Jetzt war ich mir sicher. Das war kein Blatt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Sollte ich es ignorieren, vorbei gehen und darauf vertrauen, dass es mich sicher nicht angreifen würde? Sollte ich versuchen, es zu vertreiben, zum Supermarkt zurück hasten und Kampfspray kaufen? Meine Beine entschieden sich, dass sie erst mal gar nichts machen wollten. Meine Blase verspürte den Wunsch, sich hier an Ort und Stelle zu entleeren.
„Jetzt stell dich nicht so an, du Waschlappen.“ sagte ich mir selbst halblaut. „Das ist nur ein kleiner Köter, der mehr Angst vor dir hat, als du vor ihm.“ Es hatte die Größe von einem Dackel. Was konnte mir das schon anhaben?
Ich besah mir das Ding noch einmal. Nein. Moment. Es hatte eher die Größe eines Terriers. Es hockte dort und starrte mich an und schließlich nach ein paar Augenblicken, in denen ich mich nicht gerührt hatte, löste es sich aus dem Schatten und kam langsam auf mich zu.
Irrte ich mich oder war es schon wieder ein bisschen gewachsen? Es lief auf vier Tatzen, deren Klauen nun unschöne Geräusche auf dem Pflaster entstehen ließen. Als es nur wenige Meter von mir entfernt war, richtete es sich auf die Hinterbeine auf, wuchs dabei noch ein mal ein gutes Stück auf die Größe eines Wolfes an.
Nun sah ich es in seiner ganzen grausigen Gestalt. Es hatte einen unförmigen Körper wie ein Sack Mehl, es war schwarz wie der Schatten, sein langer Schwanz stützte seine nun aufrechte Haltung. Es hatte dicke schwarze Borsten wie ein Eber. Die Klauen waren bedrohlich erhoben und der Kopf war einem Schakal oder Wolf ähnlich. Das Maul aus dem mir das bedrohliche Knurren entgegen knurrte, war nun halb geöffnet und fletschte zwei Reihen unregelmäßiger, stinkender Reißzähne.
Meine Blase hatte sich entschieden, dass sie sich am besten entspannen sollte und an den Innenseiten meiner Beine spürte ich eine warme Flüssigkeit hinunterrinnen. Die Beine selbst standen noch unschlüssig herum, obwohl der Kopf unmissverständlich signalisierte, jetzt endlich – die Taschen opfernd – die eskalierende Szenerie zu verlassen.
Das Untier – so will ich es mal nennen – hatte sich nun zu seiner ganzen Größe entfaltet und brüllte ein grollendes Brüllen auf mich hinab. Dabei spritzte mir fauliger Geifer entgegen. Die Krallen des Monsters bäumten sich bedrohlich über mich, in seinen Augen blitze es feurig, unbarmherzig. Der Rachen war nun weit aufgerissen, so dass ich das Zäpfchen flattern sehen konnte.
Jetzt war es aus. Gleich würde mich das riesige Ungetüm verschlingen. Ich schloss die Augen und erwartete machtlos, dass mir der Kopf abgebissen wurde. Doch nichts passierte.
Eine Ewigkeit muss ich wohl so dagestanden haben. Schließlich siegte die Neugier über die Angst und ich öffnete zaghaft die Augen. Dann blickte ich auf das Untier und atmete erleichtert auf. Es war doch nur ein Blatt.
Leserin: Das mit dem Blatt fand ich voll süß.
