Kaputtschmunzeln Logo und eine Französische Dogge mit einer Medaille um den Hals

Nobelpreis – Humorvolle Kurzgeschichte über eine ungewöhnliche Laudatio

„Ich freue mich riesig, Ihnen heute den Gewinner des diesjährigen Literaturnobelpreises vorstellen zu dürfen. Er hat wie kein anderer es geschafft, vieles mit wenigen Worten zu sagen und so anklagend und versöhnend zu gleich die gesamte Bandbreite der abendländischen wie morgendländischen Kultur – in einem Wort – global zu vereinen.

Gern hätte ich seine Vorstellung mit den einleitenden Worten „And the Winner is…“ angekündigt, aber in diesem Fall hat sich die Jury auf einen anonymen Autor verständigt. Anonym deswegen, weil wir schlicht nicht wissen, wer dieses grandiose Werk geschaffen hat.

Und dennoch wollen wir diesen Mann, der seine epochale Schrift biblischer Bedeutung geschaffen hat, nun endlich seiner gerechten Ehrung zuteil werden lassen. Sie wissen alle, von welchem Werk ich spreche, denn wie ein Heiliger Gral stach dieses Werk aus den anderen Nominierungen heraus.

Ich wollte ursprünglich eine kurze Passage aus diesem epochalen Werk zitieren, verwarf aber alsbald dieses Unterfangen. Denn hätte ich eine Passage herausgelöst, so hätte ich einer anderen Unrecht getan. Denn alle Zusammenhänge, ja jedes einzelne Wort steht wunderbar und bedeutsam neben dem anderen wie die Perlen an einer Kette.

Daher entschied ich mich, Ihnen hier und jetzt das Werk in seiner Gänze zu Gehör zu bringen. Ich bin mir sicher, dass es Ihnen ein leichtes sein wird dem Wohlklang dieser Dichtkunst bis zum Ende zu lauschen.

Denn diese Worte finden in ihrer Erhabenheit und Bedeutsamkeit auf diesem Globus nicht seines Gleichen und ich fühle mich innerlich bewegt und stolz, dass diese in meiner Sprache verfasst wurden.

Ich hebe nun an, Ihnen allen dieses Wunder der Sprachkunst zu überbringen:

„Alles Schlampen außer Mutti!“

Ein tiefes Schweigen erfüllt mich angesichts dieser Worte. Sie sind so zauberhaft und wahr zugleich. So pointiert und treffend, dass Thomas Mann und Dostojewski vor Neid erblassen würden, da sie es vergeblich versuchten, das Leben mit gezielten Aphorismen einzufangen.

Selbst Nietzsche hat es nicht geschafft, die Lebensweisheit in ähnlich kurzen Sprichwörtern zu vermitteln.

Da ist kein Wort zu viel. Jedes für sich hat seinen Platz und würde man nur eines weg nehmen, so würde sich der Sinn entstellen und der ganze Zauber wäre verflogen:

„[…] Schlampen außer Mutti!“ macht keinen Sinn.

„Alles […] außer Mutti!“ macht keinen Sinn.

„Alles Schlampen […] Mutti!“ will sich mir ebenso nicht erschließen.

„Alles Schlampen außer […]!“ mag für den Anfang ganz treffend beginnen. Jedoch wirkt dieses Oeuvre unvollendet.

Und wie treffend der anonyme Autor es vermag, die wenigen Wörter zu einer Symphonie der Sprache zu verweben. Jedes einzelne ist ein klarer heller Ton und darüber hinaus erfahren sie in ihrem Zusammenspiel den polyphonen, himmlischen Klang des Akkords.

Nehmen wir einmal das Wort „Alles“ heraus. Für sich allein steht das Wort für die ganze Welt. Es schließt alles mit ein. Wir werden alle angesprochen, genau wie der Stein und die Weinbergschnecke, der Wasserhahn oder das Semikolon, der Briefbeschwerer oder die Steuererklärung. Alles ist gemeint.

Wir werden alle angeklagt Schlampen zu sein. Welch harscher Vorwurf, welch rebellische Harfensaite hier anklingt. Hierin steckt so viel Pessimismus, der ganze Weltschmerz eines Caspar David Friedrich, genau so wie Siegmund Freud oder gar Schopenhauer. „Alles Schlampen […]“ Treffender ist diese große Melancholia noch nie umschrieben worden – und dabei würde es nicht weit genug greifen, würde man diese Aussage nur auf den mittelalterlichen Minnegesang des Liebesschmerz einschränken. Hier ist die Schlampe in jedem unseres Gegenüber gemeint. Eine Metapher, dessen Ausmaße ein menschlicher Geist nicht im Stande ist zu denken.

Und dennoch wird diese Klage, die hier in die Welt hinausgeschrien wird, mit einer Ausnahme versehen: „[…] außer Mutti!“ Hier versöhnt uns der Autor mit einem Silberstreif am Horizont. Es gibt einen Ausweg aus der Trübsal. Der Höhepunkt der Spannung, welcher sich schon nach dem zweiten Wort dieses Textes bis zum Unermesslichen gesteigert hatte, wird hier gekonnt dem Happy End entgegen geführt. Der Spannungsbogen hätte präziser und kürzer nicht gespannt werden können.

Und auch Hegel konnte in seinem ganzen dialektischen Geschwafel die Quintessenz nicht so auf den Punkt bringen und so vereinen sich in diesen vier Worten die ganze ödipale Tragödie, ja sogar die ganze Tragödie der westlichen wie östlichen kulturhistorischen Tradition. Der These „Alles Schlampen“ wird die Antithese „außer Mutti“ entegegen gestellt und kumuliert letzten Endes in der Synthese der ganzen Aussage.

Was soll ich Ihnen noch sagen? Ich habe mit diesem Vortrag rund 800 Wörter gebraucht und habe damit nicht einmal ansatzweise einen Bruchteil dessen abhandeln können, was in diesen vier Worten gesagt wurde.

Ich will daher der Konsequenz dienen und sie nicht länger mit unfähigen Wortphrasen langweilen. Es bleibt mir nur, den Hut zu ziehen vor soviel Finesse, vor diesem Genie. Es bleibt uns Schriftstellern nichts weiteres zu sagen. Ich selbst werde mich in ein Kloster zurück ziehen und ein Schweigegelübde ablegen.

Ich erkläre hiermit, dass die Literaturgeschichte an ihre Vervollkommnung herangeführt wurde. Die Literatur ist tot. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


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