Eine satirische Kurzgeschichte über Wäschestapel, Rollenverteilung und die Nebenwirkungen von Rock’n’Roll.
„Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du die Gläser im Kühlschrank nicht gegen die Rückwand stellen darfst? Die frieren da fest. Außerdem hast du die Katzenschnurrhaare heute noch nicht gekämmt und die Schlüssellöcher müssen noch von innen poliert werden.“
„Ja, Liebling.“ Ich stand gerade im Wohnzimmer vor dem Wäscheständer und legte fein säuberlich die getrockneten Stofftaschentücher zusammen. Zweimal auf die Ecken gefaltet und einmal diagonal. So wollte es meine bessere Hälfte. Diese stand nun in der Wohnungstür und gab mir noch ein paar ganz wichtige Anweisungen, damit ich auch ja alles richtig machte.
„Ich fahr jetzt shoppen. Ich bin in zwei Stunden zurück. Denk dran: In der Küche liegt ein Zettel, mit Sachen, die noch zu erledigen sind. Also bummle nicht so rum. Du hast noch viel zu tun. Heute Abend möchte ich Tatort gucken. Bis dahin muss die Wohnung pikobello sein.“
„Ja, Liebling.“ Dann zog Susanne die Tür hinter sich ins Schloss.
„Puh.“ Ein erleichterter Seufzer entfuhr mir. Das Taschentuch, das ich gerade zu falten begonnen hatte, sank unfertig auf den Wäschetrockner. Ich fühlte mich immer ein bisschen frei, wenn Susanne das Haus verließ und endlich Ruhe einkehrte.
Bis zum Tatort war noch viel Zeit – mindestens noch drei Stunden. Also legte ich mich erst einmal aufs Sofa und verschränkte die Arme genüsslich hinterm Kopf.
Da drehte sich ein Schlüssel in der Wohnungstür und Susanne steckte noch einmal ihren Kopf hindurch: „Ach ja. Du musst auch noch einen Eierkocher, Zahnseide und Katzenfutter kaufen.“ Flugs war ich vom Sofa aufgesprungen und hatte mich wieder der Arbeit gewidmet. „Hast du dich etwa auf’s Sofa geflezt? Du faule Socke! Bis zum Tatort ist nicht mehr lang. Also hau rein. Es ist noch viel zu tun.“
„Ja, Liebling.“ Dann schloss sich die Tür wieder. Diesmal etwas ruppiger.
Ich seufzte erneut, ließ das Taschentuch sinken und schielte zum Sofa hinüber. Mein Rücken schmerzte. Meine Füße taten mir weh. Die Augenlider offen zu halten, war nicht ohne Anstrengung möglich.
Mein Bauchgefühl sagte mir Bauchschmerzen voraus, sollte ich mich wieder aufs Sofa legen – aus reiner Angst, Susanne könnte noch mal auftauchen. Also ging ich in die Küche und sah aus dem Fenster. Ich überzeugte mich, dass Susanne das Haus verließ und blickte ihr noch nach, bis sie um die nächste Ecke bog.
Dann fiel mein Blick auf den Zettel, von dem Susanne gesprochen hatte. Genau genommen war es nicht nur ein Zettel, sondern ein ganzer Stoß. Er stapelte sich auf dem Tisch. Die obersten Blätter wankten ganz oben auf Höhe unserer Küchenlampe. In Anbetracht dieses Berges an Arbeit bekam ich Zweifel, ob ich dies alles noch rechtzeitig fertig bekommen würde. Aber da ich keine Lust hatte, mich mit meiner Liebsten schon wieder über den Alltag zu streiten, nestelte ich den obersten Zettel vom Stapel.
Darauf war Folgendes zu lesen: Leere Konservendosen spülen und entsorgen. Katzenklo sauber machen. Ameisen auf dem Balkon inventarisieren. Geschirr wegräumen. Aber nicht wieder Macken in die Tellerränder hauen. Pflanzen abstauben. Der Staubwedel gehört wieder ins Regal im Flur ganz oben. Kakteenstachel stutzen. Fenster putzen, aber keine Schlieren. Geh hinterher noch einmal mit Zeitungspapier rüber. Briefkasten leeren (und zieh dir die Schuhe schon im Treppenhaus aus, sonst ist die ganze Wohnung wieder voll Dreck).
Die zweite von gefühlten 200 Seiten betrachtete ich schon gar nicht mehr. Ich nahm an, dass da etwas Ähnliches zu lesen war. Mutlos ließ ich das Papier auf den Küchenboden sinken, ging wieder ins Wohnzimmer und legte weiter die Wäsche zusammen. Es konnte aber doch wohl kaum schaden, wenn ich mir die Arbeit mit etwas Musik versüßte. Ich schaltete das Radio ein.
„…ergab, dass die Emanzipation auf dem Rückmarsch ist. Einer Umfrage zu Folge beteiligt sich nur noch jeder vierte Mann im Haushalt. Im unmittelbaren Anschluss an die 68er-Revolution war es noch jeder zweite. Die Frauen haben sich offenbar wieder ihrem Schicksal ergeben und entdecken ihre häusliche Weiblichkeit zurück.“
Ich zappte zu einem anderen Sender weiter. „Kiel. In einer Neubauwohnung ist eine 26-jährige Frau tot aufgefunden worden. Offenbar wurde sie mit einem Bügeleisen erschlagen. Der Hauptverdächtige, ihr Freund, hat die Tat gestanden. Er habe seine Lebensgefährtin erschlagen, weil diese sich geweigert hatte, ihm während der Sportschau ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen.“
Zapp. Nächster Sender. Endlich Musik. Lucilektrik schmetterte fröhlich: „Weil ich ein Mähähähädchen bin.“ Das war zwar nicht Rammstein, aber immerhin machte die Musik die Arbeit erträglicher. Ich faltete also weiter die Taschentücher. Lucilektrik gab das Mikro weiter an Ina Deter, die forderte, dass das Land neue Männer brauche. Ich zog die Socken fein säuberlich übereinander, so dass Knäule entstanden, so wie es mein Herzblatt wünschte. Als das letzte Wäschestück allen Anforderungen der Haushaltsschule entsprechend seinen Platz auf einem der zwanzig Wäschestapel gefunden hatte, machte ich mich daran, die Wäscheklammern der Farbe nach zu ordnen. Unordnung konnte Susanne nicht ausstehen.
Da wurde die emanzipatorisch durchdachte Hymne Ina Deters abgelöst von harten Slidegitarrenriffs, die George Thorogood seiner Gibson entlockte. Nachdem er sein bestes Stück ein wenig mit seinen Fingern maltretiert hatte, grölte er ins Mikro: „Bad to the Bone.“ Ich drehte auf volle Lautstärke, so dass die Boxen dröhnten.
Ob der Klänge fühlte ich mich daran erinnert, dass ich mich damals ganz gerne in dunklen Spelunken herumgetrieben und mit meinen Saufkumpanen dreckige Frauenwitze erzählt hatte. Leider sind nach zahlreichen Hochzeiten die Kumpels zu unseren Treffen immer seltener gekommen. Und schließlich hatte auch mich Susanne davon überzeugt, dass diese Treffen infantil, chauvinistisch und mit einer harmonischen Beziehung unvereinbar waren.
Aber jetzt bei dieser Rockmusik im Radio spürte ich Gefühle in mir aufwallen, die ich längst verschüttet glaubte. Ich wollte richtig abrocken, etwas Spontanes tun, gegen das System aufbegehren. Ich ging diabolisch grinsend zu dem Wäschestapel mit den Taschentüchern hinüber, entfaltete das oberste und legte es in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammen, also zuerst diagonal und dann zweimal auf die Ecken. Mein Grinsen wurde breiter und ich legte das Tuch zurück auf den Stapel.
Wow. Das hatte richtig Spaß gemacht. Meine rebellische Ader war erwacht. Was die richtige Musik doch so alles ausrichten konnte. Ich verglich mich insgeheim mit den Fans, welche beim Konzert der Rolling Stones die Waldbühne verwüstet hatten.
Ich blickte mich um. Was konnte man noch alles anstellen, um so richtig bad to the bone zu sein? Ich nahm den Staubwedel vom Regal und legte ihn in das unterste Fach. Yes! Susanne würde kochen vor Wut. Als nächstes nahm ich Susannes Schuhe und knotete ihre Schnürsenkel zusammen. Welch genialer Einfall. Aber irgendwie reichte das noch nicht. Ich befestigte das nun zusammen geschnürte Paar am Kronleuchter im Wohnzimmer. Dann verteilte ich Susannes Kakteensammlung im Badezimmer. Mauz, unsere Katze kam und schnupperte neugierig an den pieksigen Dingern. Das hätte sie nicht tun sollen. Denn nun knotete ich eine Klopapierrolle an ihrem Schwanz fest. Ein rasanter Sprint durch die Wohnung folgte.
Im Wohnzimmer riss Mauz eine Vase mit Osterglocken um. Auweia. Scherben und Wasser ergossen sich auf Tisch und Teppich. Aber meine rebellische Lust war noch nicht gestillt. Im Gegenteil – dadurch, dass etwas zu Bruch gegangen war, war der Point of No Return überschritten und das beflügelte mich in meiner Kreativität.
Ich erwischte mich dabei, wie ich den Inhalt des Katzenklos in das Gefrierfach des Kühlschranks schaufelte, den Toaster mit Klebeband umwickelte und den Duschkopf mit Kaugummi verklebte. Ich will nicht lange damit langweilen, wie ich ein Loch in den Spülkasten der Toilette bohrte. Das führte zwangsläufig zu einem überspülten Badezimmer. Vielmehr will ich davon berichten, wie ich das Bücherregal umkippte. Das passierte allerdings eher unbeabsichtigt, weil ich versucht hatte „Rock’n’Roll“ mit Schuhcreme an die Zimmerdecke zu schmieren. Auch die zerschmissene Fensterscheibe im Schlafzimmer war eher eine Folge meiner Unfähigkeit, die Wand mit der Ketchupflasche zu treffen.
Mein Adrenalinstoß ließ erst so richtig nach, nachdem ich die Federbetten aufgeschlitzt hatte und ich auf dem Balkon Frau Holle gespielt und über einem Lagerfeuer in der Badewanne Marschmallows gegrillt hatte. Ich setzte mich nun auf einen Teil des Sofas, den ich mittels Säge von seiner besseren Hälfte getrennt hatte, stopfte Susannes Schlüpfer in eine Klopapierrolle, zündete sie an und nahm einen kräftigen Zug auf Lunge.
Während ich so da fletzte, durchströmte mich ein wohliges Gefühl von Genugtuung. Meine Arme schmerzten nun ein bisschen von der Kraftanstrengung. Die Muskeln fühlten sich ganz weich und warm an. Ich schaute mich um. Rausgerissene Buchseiten schwebten noch immer im Raum. Der gläserne Kronleuchter war im Mörser zu Staub zerstampft worden. Den Perserteppich von meiner Schwiegermutter hatte ich an die Decke genagelt. Überall lagen Splitter von der Schrankwand herum. Ich war richtig fleißig gewesen und hatte es endlich getan. Das hätte ich schon viel früher tun sollen. Endorphine wurden ausgeschüttet und ein Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit.
In dem Moment hörte ich Schlüssel an der Wohnungstür klappern. Ach du Schreck. So schnell hatte ich sie nicht zurück erwartet. Ich musste schnell alles wieder aufräumen. Ich rückte das Sofa ein wenig zusammen, wurde mir aber schlagartig über die Unsinnigkeit meines Tuns bewusst, als eine hysterische Stimme vom Eingang her kreischte: „Was ist denn hier passiert? Hier sieht es ja aus, als hätte der Blitz eingeschlagen.“
An Aufräumen war jetzt denn doch nicht mehr zu denken. Ich konnte nur noch fliehen. Ich musste mich irgendwo verstecken. Hinter dem Vorhang? Den hatte ich zwar in dekorative Streifen geschnitten. Aber besser als gar nichts. Oh mein Gott. Sie durfte mich hier nicht erwischen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als sie mir mit den Fingernägeln das Gesicht zerkratzt hatte, nur weil ich die Seife nach dem Händewaschen mal auf die linke statt auf die rechte Waschbeckenhälfte gelegt hatte.
Ich hörte, wie sich Susanne fluchend den Weg durch den Flur über zerdepperte Teller und den ausgekippten Mülleimer ins Wohnzimmer bahnte. Im Näherkommen kreischte sie: „Wo steckst du? Komm raus! Ich finde dich sowieso.“ Sie räumte lautstark die verbogene Stehlampe zur Seite. Sie landete scheppernd auf dem Wäschetrockner, von dem nur noch ein Knäuel von Drähten übrig geblieben war.
Schließlich war sie bei dem Vorhang angekommen, hinter dem ich zitternd verharrte. Mit einem Ruck riss sie die Vorhangstange aus ihrer Verankerung. Der Stoff, der eben noch als mein Versteck gedient hatte, rauschte theatralisch zu Boden.
Jetzt sah ich die Furie von Angesicht zu Angesicht. Ihre Augen glühten. Funken sprühten mir entgegen. Ihre sonst als Dutt getragenen braunen Haare standen nun feuerrot in alle Richtungen ab.
Vor meinem geistigen Auge ließ ich mein bisheriges Leben Revue passieren. Jetzt bereute ich, dass ich immer gesagt hatte, es habe noch Zeit, mein Testament zu machen.
Wie eine Maus vor der Schlange stand ich da und erwartete meinen Gnadenstoß. Aber nichts geschah. Susanne hatte sogar aufgehört, hysterisch zu schreien. Sie stand nur da und funkelte mich an. Ihre Fäuste waren geballt. Ihre Wangen glühten rot. Ihre Lippen bebten.
Und dann geschah es. Sie schmiss sich auf mich und presste Ihre Lippen auf meine. Ihre brühendheißen schlanken Arme umschlangen mich. Ich wusste nicht wie mir geschah. Ich war so überrascht, dass ich die Balance verlor. Wir fielen beide nach hinten über und küssten uns. Wir rollten über den pitschnassen, vollgedreckten Fußboden. Susanne riss mir die Kleider vom Leib. Wir tummelten uns zwischen Büchern, Scherben und Daunenfedern.
Zwei leidenschaftliche Stunden später lagen wir inmitten der verwüsteten Wohnung uns völlig ausgepowert in den Armen und sahen Tatort – mit dem guten Gefühl, dass wir etwas getan hatten, was wir schon lange hätten tun sollen.
Ende
Alternatives Ende
In dem Fernseher steckte das Brotmesser, welches für einen breiten Riss quer über die Mattscheibe gesorgt hatte. Susanne richtete sich auf. Sie fixierte das Messer, als wenn sie irgend etwas Lebenswichtiges daran entdecken wollte.
Dann brüllte sie: „Verdammt noch mal. Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst mit dem Brotmesser keinen Käse schneiden. Dafür haben wir ein Käsemesser.“ Ruckartig zog sie das Messer aus dem Bildschirm und fuchtelte damit bedrohlich in der Luft herum. „Los. Geh und wasch die Käsereste ab.“
Ich nahm das Messer, trabte in Richtung Küche und brummte: „Ja, Liebling.“
Leserin: Da ist die Phantasie wohl mit dir durchgebrannt 😲🔥 … 🤣 Herrlichst Herr Müller
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