„Ist er weg?“
„Lass mal gucken…“ Kurze Pause. „Ja. Er ist weg.“ Jubelgeschrei.
„Oh Mann, ich hab gedacht: Jetzt dreht der durch.“
„Ey, stimmt. Der war kurz davor, mich aus dem Fenster zu schmeißen. Das fand ich schon gar nicht mehr so lustig.“
„Ja. Krass. Das war aber auch echt mies, dass du einfach alles schwarz gemacht hast.“
„Du hättest mal seinen Kopf sehen sollen. Der wurde puterrot.“
„Hab ich gesehen. Der ist bei jedem Mal etwas dunkler angelaufen.“
„Besonders lustig fand ich Roberts Spruch: Bitte rufen Sie den Kundenservice an.“
„Ja. Ein Klassiker. Oh, ich glaube, er kommt noch mal zurück.“
Die Tür ging auf und Herr Müller, ein Mann mittleren Alters mit Oberlippenbart und hoher Stirn, betrat das Zimmer. Seine Wangen hatten noch nicht ganz wieder ihre natürliche Farbe angenommen und auf seiner Stirn prangte noch ein Rest von Schweißperlen. Er sah sich im Wohnzimmer um. In einer Ecke stand ein Sofa gemütlich mit Couchtisch, auf dem ein Handy lag, ein Aschenbecher und eine Fernsehzeitung. Gegenüber dem Sofa stand der dominante Flachbildfernseher. Vor dem Fenster stand ein großer Schreibtisch, auf dem der schwarze Bildschirm stand. Daneben ein Drucker, unter dem Tisch der Rechner. Ein paar Akten lagen auf dem Tisch. An der Wand lehnte ein Regal, in dem Aktenordner und ein paar Bücher standen. Auf dem Fenstersims vegetierten ein paar halb vertrocknete Zimmerpflanzen.
„Wo ist jetzt dieser verdammte Taschenrechner?“ brüllte Herr Müller. Er wischte ein paar Zettel vom Schreibtisch, so dass sie auf den Boden schwebten.
„Ah. Da bist du ja.“ Unter den Zetteln war der Taschenrechner zum Vorschein gekommen. Herr Müller hob ihn auf, schaltete ihn ein und tippte wild auf dessen Tasten herum.
Er hielt inne und starrte ungläubig auf das kleine Display. „Low Battery“ war dort zu lesen.
„Du verdammtes Etwas. Das wird dir noch leid tun.“ Er machte eine ausholende Bewegung mit der Hand, in der er den Taschenrechner festhielt, ließ sie schwungvoll nach vorne schnellen und schmetterte das Gerät mit voller Wucht gegen die pastellgelbe Wand, unweit der Stehlampe neben dem Sofa.
Bei Wandkontakt zerbarst der Taschenrechner krachend in seine Einzelteile, die nun auf dem Fußboden hinter der Stehlampe abregneten.
„So.“ sagte Herr Müller und atmete währenddessen tief aus. Dann machte er auf dem Absatz kehrt, verließ das Zimmer und schloss die Tür unsanft hinter sich.
Nachdem der Türknall verhallt war folgte eine lange Stille im Zimmer. Nicht einmal die Lüftung vom Rechner war noch zu hören. Er schien den Atem anzuhalten.
Der Drucker war der erste, der seine Sprache wieder fand: „Er hat Fred getötet.“ sagte er mit leiser trauriger Stimme.
„Meinst du?“ fragte der Fernseher und rief: „Fred? Geht es dir gut? Hast du dir weh getan?“
„Ey Mike,“ richtete sich nun der Rechner an den Fernseher. „Du bist doch echt so hohl, wie sie alle sagen. Natürlich ist der tot. Hast du nicht gesehen, dass es Fred zerfetzt hat? Den flickt kein Feinmechaniker wieder zusammen.“
„Armer Fred. Ich mochte ihn.“ sagte die Stehlampe. „Er hatte immer so lustige Sprüche auf Lager.“
„Ja, ja, aber „Low Battery“ fand Herr Müller wohl nicht so lustig.“ sagte der Bildschirm.
„Dieses Mal habt ihr es wirklich übertrieben.“ sagte der Fernseher.
„Ich habe überhaupt nichts gemacht.“ protestierte die Stehlampe.
„Jetzt tu nicht so. Ich habe genau gesehen, wie du geflackert hast. Du hängst genau so drin…“ meinte der Bildschirm.
„Das war gar keine Absicht.“ entschuldigte sich die Stehlampe. „Der Strom ist für einen Augenblick nicht geflossen.“
„Das stimmt überhaupt nicht.“ meldete sich nun die Steckose mit ihrer Piepsstimme zu Wort. „Der Strom war in Ordnung.“
„Ist doch egal.“ meinte nun der Drucker. „Ich glaube, ausschlaggebend war, dass Viktor mal wieder rumgezickt hat. Erst sagen: „Passwort ungültig!“ und wenn er dann auf Passwort vergessen klickt, antworten mit: „Error 303 Unbekannter Fehler.“ Das hat ihm den Rest gegeben.“
„Ach ja?“ Der Rechner war ganz aufgebracht. „Und du, Kalle? Erst Streifen drucken und dann „Die Tinte ist alle.“ Das war wohl auch nicht die feine englische Art.“
„Seid mal alle still.“ funkte das Handy dazwischen. „Ich glaub, ich hör da was…“
Wieder wurde es ganz still im Raum und alle lauschten. Viktor hatte wieder sein Gebläse angehalten und das Handy stellte sich auf Flugmodus.
Als die Zimmertür sich langsam öffnete, herrschte plötzlich ein reges Treiben. Der Bildschirm sprang wieder an und Viktor, der Rechner, bemühte sich, einen besonders gehorsamen Cursor auf ihm blinken zu lassen. Die Stehlampe leuchtete heller als je zuvor und der Drucker sammelte aus den Ecken des Tintenbehälters alle Reste der Farbe zusammen und druckte bunte Smileys aus. Das Handy trällerte Herrn Müller Lieblinsplaylist. Alle taten ganz geschäftig und schielten in Richtung Tür.
Herein surrte aber nur Bob, der kleine Staubsaugroboter, der grüßend in die Runde rief: „Hey Leute, womit ärgern wir Herrn Müller diesmal? Ich weiß schon: Ich könnte mal wieder seine Socken einsaugen und dann verstopfen…“
„Bist du wahnsinnig?“ fragte der Bildschirm. „Guck dir mal an, was mit Fred passiert ist…“
Bob guckte in Richtung Stehlampe und das kalte Entsetzen packte ihn. Doch nach einer Schrecksekunde surrte er dienstbeflissen um die Socke herum, die auf dem Fußboden lag. Die Stehlampe machte ihm Platz und Bob machte sich mit Schweißperlen auf der Oberfläche daran, mit großem Fleiß die Reste des Taschenrechners weg zu saugen.
