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Der Berg ruft

Können Berge rufen? Diese lustige Kurzgeschichte geht der Frage nach. Sie können nicht. Aber manche halten sich nicht daran.

Lange hatte ich schon davon geträumt. Man könnte fast sagen, dass ich mir hiermit endlich einen Kindheitstraum erfüllen wollte – einen Berg besteigen. Jetzt war ich hier und sah dieses gigantische Felsmassiv vor mir aufragen. Der Berg rief mich mit aller Macht – und ich musste diesem Ruf folgen.

Am Anfang ging mir alles recht flott von der Hand. Ein fröhliches Lied auf den Lippen machte ich mich daran, diesen Berg zu besteigen. Doch während zu Beginn sich die Besteigung noch wie ein gemütlicher Spaziergang ausmachte, wurde mit zunehmendem Wandern der Pfad steiler. Mein Tritt wurde langsamer, der Atem schwerer und das Lied wollte mir nicht mehr so fröhlich von den Lippen gehen und wich schließlich einem asthmatischen Schnaufen.

Leichte Schweißperlen hielten auf meiner Stirn eine Versammlung ab und fielen mit zunehmendem Schritt zahlreicher von meiner Stirn. Ich legte die schwere Winterjacke, die ich für die höheren Regionen angezogen hatte, ab und verstaute sie im Rucksack.

Dann kämpfte ich mich weiter. Ich hatte noch nicht einmal die Baumgrenze erreicht, als eine innere Stimme mich zur Umkehr überreden wollte: „Ey Mann, gib‘s doch auf. Das schaffst du sowieso nicht. Du bist doch jetzt schon fix und alle.“

Aber ich entgegnete nur: „Ich schaff das.“ und kämpfte mich Schritt für Schritt bergauf. Ich blickte bergan, aber der Gipfel schien noch nicht ein bisschen näher gekommen zu sein. Doch ich biss die Zähne fest aufeinander und arbeitete mich voran.

Je weiter ich aufstieg, desto kühler wurde es. Ich holte den dicken Anorak wieder heraus und stülpte mir auch die mit Fell besetzte Kapuze über. Hier oben wehte ein rauer Wind und auch der Sauerstoff wurde knapper. Irgendwann bedauerte ich, dass ich das Sauerstoffgerät im Tal gelassen hatte. Ein Blick zurück bereitete mir Schwindel. Ich hatte mich jetzt schon ein gutes Stück in den Berg hinein gearbeitet und unter mir klaffte eine gähnende Leere. Irgendwo da unten stand mein Sofa und wartete verlockend mit einer Tasse heißem Tee vor dem Kamin und eine Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit überkam mich. Doch jetzt gab es kein zurück mehr.

Der Wind schnitt mir Falten ins Gesicht und ganz fern lachten mich Krähen aus – oder waren es Geier? Warum zum Teufel tat ich mir das an? Ich musste mich jetzt zusammenreißen. Wenn ich jetzt aufgab, würde man mich zu Hause auslachen. Ich musste weiter und ich stieg immer weiter den Berg hinauf.

Schließlich war es so steil und der Fels so glatt, dass man nur noch mit Steigeisen, Spitzhacke und Seil vorwärts kommen konnte. Nur schade, dass ich nichts dergleichen mitgenommen hatte. Ich robbte nun auf Händen und Knien die Felskanten rauf. Bei einem Fehltritt, drohte ich abzurutschen und meilenweit in die Leere zu stürzen. Und meine Flipflops stellten sich als nachteilig für die Bergbesteigung heraus.

Die Luft um mich herum klirrte und blies mir ganze Schneewehen ins Gesicht. Es dauerte nicht lang, da waren meine Finger steif gefroren und auch die Ausläufer meines Bartes waren vereist, so dass sie einfach abbrachen.

Aber ich kämpfte weiter und folgte dem immer lauter drängenden Rufen des Berges. Jetzt war ich dem Gipfel schon so nahe gekommen, dass man das Gipfelkreuz in der Sonne hätte blinken sehen können, wenn sie geschienen hätte. Mir schmerzte jedes Körperteil. Die Knie waren aufgeschürft und die Hände hatten die Felskanten rissig gemacht. Die Finger waren angeschwollen. Der Schweiß gefror auf meiner Stirn.

Ich kam jetzt nur noch in Millimeterarbeit voran und jeder Höhenmeter kam mir wie eine unüberwindliche Barriere vor. Jedes Mal, wenn ich den Fuß vorwärts schob, wollten die Muskeln meiner Beine bersten. Das Geräusch der knirschenden Steine mischte sich mit dem Wummern meines Herzens.

Was war das? Vor mir in dem Schneegestöber sah ich die vagen Umrisse eines weißen, felligen Etwas. Es war groß wie ein Mensch und lief auf zwei Beinen. Und dann war es wieder verschwunden. Hatte ich mir das nur eingebildet? Hatte mir der mangelnde Sauerstoff einen Streich gespielt? Aber das war jetzt nicht mehr von Belang. Denn nun sah ich es – erst schemenhaft zwischen den Wolkenschleiern durchscheinen, dann immer deutlicher: Das Gipfelkreuz – Wie der heilige Gral ragte es in unmittelbarer Nähe vor mir auf.

Beim näher kommen konnte ich Einzelheiten erkennen: Ein goldenes Kreuz auf einem massiven Fuß, der mittels kleiner Bögen und Fialen architektonisch gestaltet war. In Nischen waren schmiedeeiserne Figuren gesetzt. Wie hatten es die Architekten es geschafft, dieses massive Bauwerk den ganzen Berg hinauf zu schleppen? Das ging mir kurz durch den Sinn.

Aber auch das war jetzt nicht mehr von Interesse. Ich hatte es geschafft. Ich habe den Berg erklommen. Ich hatte aller Unbill zum Trotz es fertig gebracht, dieses Monster von einem Berg zu erklimmen. Ein Gefühl des Glücks strömte strahlenförmig von meinem pulsierenden Herzen in alle Richtungen.

Ich sank auf die Knie nieder und reckte die Arme dem Kreuz entgegen und ein Schrei des Glücks brach sich aus meiner Kehle Bahn und war bestimmt weit ins Tal hinunter zu hören. Dann drehte ich mich um und genoss die schier sagenhafte Aussicht. Erst konnte ich nicht viel erkennen, denn von meinen Augenbrauen hingen die Eiszapfen und richtig klar war die Sicht hier oben auch nicht.

Doch dann sah ich ihn: Den Berliner Fernsehturm. Auch das rote Rathaus konnte man ganz dicht daneben auch ganz gut erkennen. Und dahinten: Das musste wohl das Bodemuseum sein. Und da: Die Nikolaikirche. Ganz nah im Viktoriapark sah man deutlich ein paar Grüppchen auf der Wiese chillen. Der Geruch von Grillgut stieg mir in die Nase. Ein kleines Kind direkt neben mir wollte an dem Kreuzbergdenkmal hochklettern, aber seine Mutter hinderte es daran.

Nun. Das war ein sehr schöner Ausflug auf den Kreuzberg gewesen. Ganz schön anstrengend. Aber die Aussicht lohnt sich allemal.


Nicole aus F.: 66 m ü. NHN… du Gipfelstürmer 🥾 Hab geschmunzelt, aber bin noch ganz 😉

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