Eine lustige Kurzgeschichte über den ganz normalen Supermarkt-Wahnsinn.
Es klirrte leise – als würden Flaschen leicht aneinander schlagen, weil ganz in der Nähe eine Herde Wasserbüffel durch die endlosen Weiten der Steppe trampelten. Allerdings vibrierten die Flaschen im Supermarktregal, weil eine Horde Einkaufswütiger durch die endlosen Weiten der Supermaktgänge steppte.
Es war ein ganz normaler Sonntagnachmittag in einem LIDL, der sich in einem Bahnhof befand und daher nicht wie alle anderen gutbürgerlichen LIDLs wenigstens einen Tag in der Woche den Herrgott einen guten Mann sein ließ, im Garten mit Freunden grillte oder das Auto wusch. Nein. In diesem strebsamen LIDL sammelte sich allsonntaglich die Art Mensch, die nun noch ganz hektisch eine Packung Bier, Butter oder Nagellackentferner einkaufen musste oder was man sonst so Überlebenswichtiges benötigt.
Da war zum Beispiel der ältere Herr in zerschlissener Jacke, der froh war, dass er nicht die überteuerten Preise beim Späti bezahlen musste für seine täglichen Dosen Dosenbier. Und da war die Rentnerin, die ihren Großeinkauf gerne am Wochenende besorgte, weil sie in der Woche einfach zu nichts kam. Da war die Ökoaktivistin, für die der Apfel immer tagfrisch sein musste.
Für sie alle war der LIDL, um in dem Bild der Steppe zu bleiben, das Wasserloch, an dem sich alle Tiere friedlich sammelten, um zu trinken. Ganz so friedlich wie bei den Tieren geht es hier natürlich nicht zu. Da wird geschubst und gedrängelt, wenn es darum geht, die letzten Erdbeeren (im Sonderangebot heute für 7,99 Euro) vom Grabbeltisch zu ergattern oder wenn man der erste sein möchte, wenn eine neue Kasse aufgemacht wird.
So war es denn auch heute. Normalerweise erledige ich natürlich meinen Einkauf immer in der Woche, weil ich natürlich gut organisiert bin. Leider hatte sich vor einer Woche für heute Abend spontan Besuch angekündigt und da war mir doch glatt mein Repertoire für diesen Anlass angemessener Getränke ausgegangen.
Ich stand also mit meinem Sechserpack Dosenbier vor der Kasse in einer Schlange, die sich bis hin zum Tiefkühlregal, einmal durch den Gang mit dem Nagellackentferner, durch den Getränkemarkt, raus auf den Parkplatz und bis ins Nachbardorf erstreckte – wohlgemerkt es handelte sich hier um den LIDL im Ostbahnhof in Berlin Friedrichshain und das Nachtbardorf war somit Potsdam.
Und der Deutsche wartet ja nicht gerne. Er nörgelt viel lieber. Die Kinder ningelten: „Sind wir bald dran?“ Und die männlichen Erwachsenen quängelten: „Verdammt. Ich verpass die Sportschau.“ Während die weiblichen Wartenden eher zu Sätzen griffen wie: „Ich brauche jetzt sofort meinen Nagellackentferner.“
Endlich fasste mal einer Mut und sprach aus, was alle dachten – und zwar in der typischen berlinischen Höflichkeit: „Ey, machen Se mal ne neue Kasse auf oder watt?“ Und siehe da: Schon wurde eine zweite Kasse aufgemacht. Und die Herde setzte sich donnernd in Bewegung. Kleine Kinder wurden zur Seite geschubst. Die Ellenbogen wurden ausgefahren.
Ich hätte auch vorpreschen können, aber ich stand nur da und betrachtete die Herde, wie sie an mir vorbeizog. Und das war der Moment, als das Klirren der Flaschen im Getränkemarkt bedrohlich anschwoll. Schließlich hatte sich also alles auf die zwei Schlangen verteilt. Da fragte einer hinter mir, ob er nicht vor dürfe. Er habe nicht so viele Artikel und da sei es doch üblich, dass man denjenigen mit den wenigen Artikeln vorlasse. Ich nickte gelassen und er packte seine Orangen, Nudeln, Butter, Nagellackentferner, Ravioli, jeweils eine Flasche Mariacron, Ramazotti und Amaretto, Strohrum und was man sonst noch so lebenswichtiges an einem Sonntag Nachmittag einkaufen muss, vor mir auf das Band.
Als er nach einer Viertelstunde Stapeln damit fertig war, fragte er mich noch, nachdem er bemerkte, dass ich immer noch milde lächelte: „Ja, sagen Sie mal: Stört es Sie gar nicht, dass Sie hier solange warten müssen? Ich finde diese ewige Warterei furchtbar – unerträglich. Wollen Sie nicht auch so schnell wie möglich wieder hier raus und nach Hause?“
Ich lächelte weiter und sagte: „Nö. Mich stört das Warten nicht im geringsten. Im Gegenteil: Ich mag Schlangen, weil ich es genieße hier zu stehen und zu warten. Nichts passiert. Keiner will irgendetwas von mir. Es sind ein paar Momente der absoluten Ruhe, bevor es da draußen wieder in den hektischen Alltag geht.“
Da guckte mich der Mann mit großen Augen an, seine Mimik wechselte sehr langsam und zähflüssig von verständnislos zu erleuchtet. „Also, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Zuhause gibt es ohnehin wieder nur Streit um die Fernbedienung.“ Und dann fing er an, seinen Einkauf wieder vom Kassenband zurück in den Einkaufswagen zu stapeln, murmelte noch etwas in der Art: „Ich glaube, ich habe noch Nagellackentferner vergessen.“ und war wenige Augenblicke später zwischen den Regalen in Richtung Schlangenende verschwunden.
An der Nachbarkasse hatte man unser Gespräch offenbar mitbekommen. Denn die Frau mittleren Alters tat es ihm gleich, fegte ihren Einkauf zurück in den Wagen und machte sich auf, das Schlangenende zu suchen, wobei ihre beiden kitapflichtigen Kinder hinterhertrotteten und nörgelten: „Sind wir bald da?“
Jetzt waren die beiden Kassenbänder leer und keiner wollte so richtig der nächste sein. Sie überkam plötzlich eine Sehnsucht nach der inneren Einkehr und niemand wollte, dass diese Gelegenheit des Besinnens nun vorbei sein sollte. Also gab es einen allgemeinen Aufbruch in Richtung Kassenende. Warum nach Santiago pilgern, wenn man sich genauso gut bei LIDL in die Schlange stellen kann?
Es bildeten sich Grüppchen, die ihr Zelt aufschlugen, den Esbitkocher herausholten und die noch nicht erworbenen Ravioli in geselliger Runde zubereiteten. Ein anderer hatte sich vom Sonderpostentisch ein passendes Fakirutensil besorgt und vollzog an Ort und Stelle seine Yogaübungen, wobei er leise Hare-Krishna summte. Alle waren jetzt ganz in sich versunken, hatten die Augen zum Himmel gekehrt oder schwebten im Schneidersitz einen Fußbreit über dem Boden.
Ein Student hatte von allem nichts mitbekommen und ging mit seinem Einkauf zur Kasse. Doch hielt man ihn kopfschüttelnd zurück. „Nanana,“ sagte ein Typ mit Sonnenbrille sanft aber bestimmt und dann räumte der Student die Sachen wieder vom Band.
Doch die Kassiererinnen fingen nun an, so ungeduldig mit den pinklackierten Fingernägeln auf dem Scanner rumzutrommeln, dass auch denjenigen ganz hinten in der Schlange nun klar wurde: Unsere Meditation würde irgendwann zu Ende gehen. Aber wer sollte den Anfang machen?
Es nützte alles nichts. Das Fingernageltrommeln hatte sich auf der psychischen Bewusstseinsebene zu einem unerträglichen Ton gesteigert, den keiner mehr überhören konnte. Also fingen die Leute an, ihren Nachbarn aus seiner Trance zu wecken und langsam in Richtung Kasse zu schieben. Und was als harmloses Stupsen begann, steigerte sich schnell zu einem dringlichen Zerren.
Eine Oma zog einem Teenager eins mit ihrer Handtasche über, weil dieser ihr den Einkaufswagen ungeduldig in die Hacken gefahren hatte. Die Menschen schubsten und drängelten wie immer – aber dieses Mal flüchteten sie alle von der Kasse weg, als hieße es, hier sein Leben auszuhauchen. Die Leute bewarfen sich mit ihren Konservendosen, verschanzten sich hinter ihren Einkaufswagen. Man holte sich neues Wurfmaterial aus dem Getränkemarkt oder aus den Tiefkühltruhen. Das Mobiliar des Marktes wurde unter der tierischen Meute zerschreddert. Das leise Klirren aus dem Getränkemarkt war einem anhaltenden Zerdeppern von Flaschen gewichen. Es roch nach Nagellackentferner. Es herrschte totales Chaos am Wasserloch. Jeder wollte seine Meditation in Ruhe zu Ende führen.
Ich betrachtete das Treiben teilnahmslos, kratzte mich gedankenverloren am Hinterkopf und ging zur Kasse, bezahlte die Dosen und machte mich entspannt auf den Heimweg.
Zuhause angekommen, fiel mir auf, dass mein Nagellackentferner alle war. Ich muss nachher wohl noch einmal zum LIDL. Die Sirenen und Rauchsäulen am Himmel zeigen mir den Weg.
Peggy aus B.: Am Montag war ich bei Lidl und allein in der Schlange zu stehen, hat mich zum Schmunzeln gebracht, aber niemand hat die Yoga-Matte ausgepackt.
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