Der Berlin-Marathon. Unendliche Weiten. Aber ich war bestens vorbereitet. Ich hatte Unglaubliches geleistet und mir die komplette Staffel der Olympischen Spiele seit Los Angeles 1984 reingezogen – in einem Stück, nur durch gelegentliche Gänge zum Kühlschrank und zur Toilette unterbrochen. Ich hatte mir eine Lauf-App auf mein Handy runtergeladen und ich hatte mir extra bei meinem T-Shirt mit der Aufschrift „Bier formte diesen Körper!“ das Wort „Bier“ durchgestrichen und das Wort „Sport“ daneben geschrieben. Und ich hatte mir die Regeln erklären lassen: Immer schön hinter den anderen hinter her rennen und nicht den gradesten Weg zum Ziel wählen oder gar den Bus nehmen.
Jetzt dauerte es nicht mehr lange, dann sollte der Startschuss fallen. Zeit genug um sich noch einmal umzusehen. Neben Teilnehmern und Schaulustigen standen da ein Dutzend Dixies, die frisch gefüllt waren. Die Läufer versprachen sich wohl einen Vorteil, wenn sie nicht auch noch ihre volle Blase die 42 Kilometer mit sich herum schleppen mussten. Neben mir stand ein fetter Dobermann und bellte mich wütend an und hinter einer Absperrung standen drei Halbwüchsige, die mit Knatterdingern und mäßigem Erfolg versuchten, die Stimmung der Läufer aufzubessern.
Dann fiel ein Schuss. Es ging los und der Pulk setzte sich in Bewegung, langsam wie eine alte Frau auf einer stehen gebliebenen Rolltreppe. Ich ließ mich mit der Menge über die Startlinie treiben. Der Start war eigentlich ganz simpel. Das Gedränge war so dicht, dass man gemütlich die Beine anziehen konnte und von der Masse getragen wurde. Aber sehr schnell ließ dieser Effekt nach und ich musste meine eigenen Beine benutzen. Lange war es her, dass ich sie beansprucht hatte. Aber es funktionierte. Ich setzte Schritt für Schritt Fuß vor Fuß. Immer schneller. Monoton. Links, rechts, rechts, links. Nicht aus dem Rhythmus kommen. Nicht aufgeben. Immer weiter. Es lief. Die Landschaft raste nur so an mir vorbei. Ich steigerte mich. Immer schneller. Ein Glücksgefühl machte sich in mir breit. Es lief. So hätte es 42 Kilometer weiter gehen können. Doch nach den ersten Metern meldeten sich verschiedene Stimmen meines Körpers zu Wort. Mein Herz fing an zu rasen. Offenbar hatte es genau wie ich die Bewegung beschleunigt und pochte nun wie wild in meinen Ohren. Meine Füße wollten mir den Dienst versagen und nicht mehr im monotonen Rhythmus voreinander gestellt werden. Die Fußsohlen, die Knie, die Waden, mein Schienbein, die Ohrläppchen, alles fing plötzlich an zu ziehen, zu schmerzen. Es meldeten sich Körperteile zu Wort, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gab. Meine Lunge arbeitete auf Hochtouren. Das Luftholen fiel mir nicht nur schwer. Es schien sogar unmöglich. Das Atmen war vergleichbar dem Versuch, aus einem schlappen Luftballon mittels abgenickten Strohhalm Luft zu saugen. Ich hechelte was das Zeug hielt, aber es wollten einfach keine Sauerstoffatome ihren Weg in meine Lunge finden. Ich drosselte meine Geschwindigkeit von zwei auf einen Kilometer pro Stunde. Langsam schob ich die Zehen Nannometer für Nannometer vorwärts.
Die anderen Läufer nutzten meine temporäre Unpässlichkeit schamlos für ein Überholmanöver. Alle aber wirklich alle schossen an mir vorbei. Ich sah rüstige Opas an mir vorüber ziehen, die sich auf ihren Rollator stützten oder im Rollstuhl von ihren Zivis geschoben wurden. Gefolgt von der geschlossenen Formation des Darmstädter Kinderchors, die sich gegenseitig Huckepack genommen hatten und die Distanz rückwärts und mit verbundenen Augen bewältigten. Als schließlich noch eine Nacktschnecke auf einer Schildkröte reitend an mir vorüber schoss, musste ich mir eingestehen, dass ich mich selbst nicht mehr von der Stelle bewegte. Bei Kilometer 0,16 hatte mich die Realität eingeholt. Ich machte schlapp. Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Ich nutzte die Pause, um mir die letzten zwei Wochen noch mal ins Gedächtnis zu rufen. Was hatte mich eigentlich dazu motiviert, diesen Wahnsinn mitzumachen?
Ich wollte Sporttreiben. So richtig. Mit allem was dazu gehört. Schweiß kannte ich ja schon, kam ich doch schon ins Schwitzen, wenn ich blinzelte. Bewegung, sagte mir mein Ernährungsberater, war das A und O des Sporttreibens. Eine weise Erkenntnis. Ich meinte es ernst. Jetzt hieß es, keine Kompromisse machen. Zuerst hatte ich meine Pizza-Hut-Flatrate gekündigt, die mich jeden Tag mit einer Pizza XXXL mit Extra Spanferkel versorgte. Und dann hatte ich mich halt für den Berlin-Marathon angemeldet.
Und hier stand ich nun. Ich konnte nicht anders. Das Schlusslicht der Meute war noch vage am Horizont zu sehen. Der Staub, den sie aufgewirbelt hatte, legte sich sanft wieder. Jetzt hieß es, die Zähne zusammenbeißen und weiterlaufen. Dabei sein war zwar alles. Aber besser war, auch ins Ziel zu kommen, nach Möglichkeit nicht gerade als letzter oder vielleicht erst, wenn es schon dunkel war, der Zielbereich schon wieder abgebaut war und kein Mensch mehr da war, der einem zujubelte.
Ich biss die Zähne zusammen. Den Blick richtete ich gerade aus und traf einen Entschluss. Ich wollte nicht aufgeben. Ich wollte es schaffen. Während ich mich gerade eben noch in der Senkrechten halten konnte, kippte ich nun nach vorn, wie ein Baumriese, dessen Stamm gerade den letzten Axthieb erhalten hat. Ich kippte. Aber statt auf der harten Laufstrecke aufzuschlagen, fing ich den Schwung behände mit den Füßen ab und wandelte ihn in eine Laufbewegung um. Der Kunstgriff gelang. Ich bewegte mich wieder. Ich war wieder da.
Ich lief. Und lief und lief weiter. Ich schloss die Augen. Ich ignorierte alle Körpersignale, wie z.B. die innere Vision, wie ich gerade von netten Sanitätern auf einer Trage im Krankenwagen an ein Sauerstoffgerät angeschlossen wurde. Ich durfte jetzt nicht aufgeben. Ich lief immer weiter. Ich raste dahin. Immer schneller. Ein Sog zog mich immer weiter. Immer weiter. Meine Geschwindigkeit nahm zu. Erst war ich langsam und freute mich, dass ich mich überhaupt bewegte, aber dann spürte ich, wie ich mit jedem Schritt schneller wurde. Alles schien an mir nur so vorbeizusausen. Wie ein Blitz schoss ich dahin, entlang der blauen Linie, die den Streckenverlauf anzeigte. Ein einziger Gedanke formte sich in meinem Kopf: Rennen. Ich bin eine Laufmaschine. Andere Visionen schossen durch meine Gedanken, von Geparden, die sich anschickten, einen flüchtenden Safariteilnehmer einzuholen. Ein Wanderfalke machte ein Wettrennen mit einem Spaceshuttle. Kleine Spermien waren auf dem Weg zur Eizelle. Ein Protonenbeschleuniger auf voller Leistung. Kinder, die ins Haus flitzten, weil die Mutter das Zauberwort „Miracoli“ gerufen hatte.
So hing ich während des Laufens meinen Gedanken nach und merkte kaum, wie ich die Strecke hinter mich brachte. Die Zeit spielte keine Rolle mehr. Sie löste sich auf. Die Zeit war wie ein Gummiband, das man nach Belieben dehnen konnte. Nur so kann ich es mir erklären, dass ich nur nach wenigen Augenblicken tatsächlich das Ziel vor mir sah. Die weiße Ziellinie tauchte plötzlich auf, war in greifbarer Nähe und schien mir zuzuwinken. Nur noch wenige Schritte, nur noch ein paar Meter. Ich raste dahin und… tatsächlich ich überquerte die Linie. Ein Glücksgefühl explodierte regelrecht in meinem Körper. Ich hatte es geschafft. In einem letzten Kraftakt riss ich die Arme in die Luft und ein Jubelschrei entriss sich meiner Kehle, welcher vielleicht auch entstanden wäre, wenn Braveheart bei Deutschland sucht den Superstar gewonnen hätte.
Dann blickte ich mich um. Ich war ganz allein. Keiner der Mitstreiter war schon da. Niemand hatte vor mir die Ziellinie überquert. Das konnte doch nicht sein. Aber nun merkte ich es erst: ich war tatsächlich als erster angekommen. Ich war der Schnellste. Ich hatte den Berlin-Marathon gewonnen. Komischerweise war niemand sonst da, mich zu bejubeln und meinen Erfolg zu feiern. Wo waren die hübschen Mädchen, die mich mit Schampus besprühen sollten? Wo der Lorbeerkranz? Wo das Siegertreppchen? Wo die Medaille?
Neben einem Dutzend Dixies standen drei Halbwüchsige, die ihre Knatterdinger müde herabhingen ließen und mich halb gelangweilt halb entsetzt anglotzten. Ich ahnte schreckliches. Konnte ich mich so sehr vertan haben? Und richtig: Neben mir stand wieder der fette Dobermann, hob grinsend das Bein und pinkelte mir auf meine Laufschuhe, als wollte er sagen: „Mann, bist du bescheuert.“
